in Anforderungsanalyse, Praxistipps

Dementia Informatica

Kennen Sie das? Ein Software-Projekt läuft schon länger, es gab Vorstudien, dann wurde es neu aufgesetzt. Anforderungsdefinition ist angesetzt, ein Team des neuen IT-Anbieters erscheint und beginnt, Anforderungen zu sammeln. Die Anwender werden nach einiger Zeit unruhig, dann meldet sich einer zu Wort und sagt: „Das alles haben wir doch schon einem Kollegen von Ihnen erzählt, da gibt es auch ein Protokoll. Da steht doch schon alles drin, warum müssen wir das schon wieder erzählen?“

IT-Projekte verlaufen oft so, als wären sie dement, es werden immer wieder die selben Fragen gestellt.

Was kann man dagegen tun? Es gibt leider kein einfaches Rezept. Notwendig ist zunächst einmal Problembewusstsein und der erklärte Wille, alle verfügbaren Informationsquellen der Vergangenheit zu nutzen. Es geht also um Wissensmanagement. Da man in einem Projekt nicht genug Zeit hat, eine Kultur des Wissensaustausches aufzubauen, muss man ad hoc und ganz pragmatisch agieren.

Ich habe dieses Ignorieren von bereits vorliegenden Informationen schon mehrfach erlebt, trotz vieler ausdrücklichen Hinweise die Ergebnisse früherer Projektphasen. Es ist wahrscheinlich eine Variante des bekannten NIH-Syndroms („Not Invented Here“), der Unfähigkeit oder des Unwillens von Software-Entwicklern, etwas zu verwenden, das nicht sie selbst entwickelt haben. Wenn es um Technik geht, ist das als „mangelnder Code-Reuse“ bekannt. Diesen durchzusetzen erinnert immer wieder an Sisyphus: es gibt unglaublich kreative Argumente, warum man etwas nicht übernimmt, sondern lieber selbst neu schreibt. Aber das ist nicht mein Revier.

Worauf ich hier aufmerksam machen will, ist der mangelnde Reuse von fachlichen Informationen. Es beginnt bei Prozessanalysen, die links liegen gelassen werden. Man könnte natürlich oft sagen, dass diese zu oberflächlich seien, um eine detaillierte Analyse mit Blick auf die angepeilte Software-Lösung zu ersetzen. Ja, sicher, das kann ich bestätigen, aber man könnte doch einiges übernehmen, z.B. die Prozesslandkarte, Terminologie, Ansprechpartner etc.

Höchst unbeliebt ist auch die Analyse von Dokumenten und Reports, die im Ist verwendet werden. Aus diesen könnte man viel für das Datenmodell lernen, Use-Cases ableiten und auf jeden Fall frühzeitig damit beginnen, die notwendigen Dokumentvorlagen zu erstellen und zu integrieren.

So banal es klingt, eine Kollaborationsplattform, auf die wirklich alle Zugriff haben und die auch vollständig befüllt wird, ist oft schon die erste Hürde. Ich habe z.B. bei einem komplett neu aufgesetzten Projekt keinerlei Informationen aus dem Vorprojekt bekommen, obwohl ich zumindest zwei Monate aktiv danach gefragt und gesucht habe. Als ich hörte, alle Dokumente seien auf einer Cloud-Plattform gespeichert gewesen, man wisse aber nicht, ob es jemand gäbe, der die Login-Daten habe, gab ich endgültig auf. Wir haben einfach alle Analysen gemacht, die wir für notwendig hielten, ob das Doppelarbeit war, habe ich nie erfahren, denn es hatten sich auch die Ansprechpartner auf Anwenderseite geändert.

Weiters muss es jemand geben, der immer wieder die Frage nach bereits vorhandenen Informationen stellt und deren Auswertung fordert. Das ist keine Rolle, mit der man sich beliebt macht, deshalb wird sie auch oft nicht besetzt. Anwender sind nach meiner Erfahrung erstaunlich geduldig – oder soll man sagen: durch lange Erfahrung resigniert – wenn sie mit diesem Phänomen konfrontiert sind.

Ich habe auch schon das Argument gehört, man wolle das bisherige IT-System überhaupt nicht analysieren, weil man ja etwas Neues entwickeln will. Schlimm, wenn man später erkennt, dass viele Funktionen, die im Wartungsprozess über Jahre entwickelt worden sind, nicht spezifiziert und daher auch nicht implementiert worden sind. Den Anwendern sind diese oft nicht  bewusst, sondern selbstverständliche Anforderungen. Dann großes Erstaunen und heftige Emotionen, wenn dies vom IT-Dienstleister mit Hinweis auf unterschriebene Pflichtenhefte, in denen davon kein Wort steht, zurückgewiesen wird. Je näher man am Ziel zu sein meint, umso härter schlagen solche Lücken der Spezifikation zu und das bisher so stetige Wachstum des Fertigstellungsgrades erleidet einen herben Rückschlag.

Wahrscheinlich tritt die „Dementia Informatica“ deshalb so oft auf, weil wir es alle hassen, in unserer Ablage nach Dokumenten zu suchen. Ich habe auch schon ein Buch gekauft und erst später bemerkt, dass ich es ohnehin schon im Bücherregal stehen hatte. Besonders schlimm, wenn ich bemerke, dass ich es auch schon (zumindest teilweise) gelesen und mit Anmerkungen versehen hatte.

Noch eine Bemerkung, die eigentlich nicht direkt zum Thema gehört, aber gut zum Bild am Anfang des Beitrages passt. Die Reset-Taste wird bei Projekten auch gerne gedrückt, wenn es um Kosten geht. Je ungünstiger ein Projekt verläuft, umso häufiger wird bei der Ermittlung der Projektkosten wieder bei Null angefangen. Darf man also den Technikern einen Vorwurf machen, wenn ihnen das Top-Management hier so ein schlechtes Vorbild ist?

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