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Stress vermeiden statt Symptome kurieren

Entspannungstechniken haben eine große Anhängerschar: kein Work-Out ohne ein Cool-Down am Ende, sei es in Form von Atem- oder Dehnungsübungen oder einfach einer Ruhephase. Wenn man Yoga oder autogenes Training betreibt, ist Entspannung ohnehin ein integrierter Teil jeder Übungseinheit. Keine Frage, dass dies alles sinnvoll ist und gerade wer in Projekten mit Termindruck und Bewältigung von Problemen zu tun hat, kann das besonders gut brauchen.

Viele gehen einen Schritt weiter und bevorzugen „spirituelle“ Angebote, die typischerweise mit Meditation und/oder Yoga verbunden sind. Ich muss zugeben, dass der Begriff Spiritualität für mich ein sehr schillerndes Konzept ist, am meisten kann ich damit im Sinne von Viktor Frankl etwas anfangen, nämlich als Aufforderung, allem was man tut einen Sinn zu geben. Dazu ein Literaturtipp am Ende des Beitrages.

Das führt uns aber auch schon dazu, dass es meiner Meinung nach darauf ankommt, wie man über Ereignisse denkt bzw. mit ihnen denkend umgeht. Das muss man verstehen und beeinflussen.

Ein kurzes und pointiertes Statement dazu stammt vom Sternekoch Alfons Schuhbeck, der meint, dass er Meditation nicht braucht, weil er Stress gar nicht an sich ranlässt. Wie er das schafft, deutet er nur kurz an, dazu mehr in diesem Blogbeitrag nach dem Video. Wie er zu dieser Art des Umganges mit Belastungen gekommen ist, wissen wir nicht, wahrscheinlich würde er es einem natürlichen Talent zuschreiben, das ihm in die Wiege gelegt wurde (so schätze ich ihn jedenfalls ein).

Hilfreich ist es zunächst, zwischen Stress und Stressoren zu unterscheiden. Stressoren sind Faktoren, die Stress auslösen können. Stress ist ein Zustand mit verschiedenen typischen körperlichen und psychischen Symptomen. Ob und wie Stressoren tatsächlich Stress auslösen, hängt von vielen Faktoren ab, die sowohl von der Person als auch von der Situation abhängen, wie es Lewin mit der Formel „V=f(P,U)“ ausdrückt.

Schuhbeck spricht in seinem kurzen Statement mehrere Ansätze an, um mit Stressoren umzugehen ohne diese näher auszuführen. Er selbst vergleicht seine Methode mit einem Winterreifen und nennt dies einen rauen Zugang. Aber wie man dazu kommt, sich quasi eine dicke Haut zuzulegen, bleibt bis auf eine Ausnahme offen.

Was Schuhbeck erklärt, ist das sofortige „Wenden ins Positive“. Er verbindet das mit der Frage, was man tun kann, um mit der Situation fertig zu werden. Das ist eine Umsetzung des „Reframing„, eine Technik, die aus der Neurolinguistischen Programmierung (NLP) kommt.

Dieses Konzept gibt es in verschiedenen Formen, die wohl älteste Ausprägung ist die Aussage des Stoikers Epiktet: „Es sind nicht die Dinge, die uns beunruhigen, sondern die Meinungen, die wir von den Dingen haben“.

Ich selbst habe das erstmals im Rahmen der leider viel zu wenig bekannten Real-emotiven Verhaltenstherapie  (RET) von Albert Ellis kennengelernt. Vereinfacht spricht er von A (Activating Event: in unserem Fall der Stressor, also z.B. ein versäumter Termin, ein unzureichendes Arbeitsergebnis, Kritik des Kunden etc.) und C (Consequences, also unserer Reaktion, z.B. Stress, Panik, Freude, …). Dazwischen liegt B (Beliefs, die Annahmen und Denkweisen, die wir auf die Wahrnehmung und Bewertung von A anwenden). Ellis setzt dabei an, die Beliefs zu verändern, durch Training, Coaching oder Therapie, je nachdem wie stark diese in der Persönlichkeitsstruktur verankert sind und in wie hohem Maße sie destruktiv wirken. Die Anwendung der RET und anderer verwandter Techniken hat vielfach bewiesen, dass dies möglich ist und auch, dass es in der überwiegenden Zahl der Fälle keine tiefgehende und langwierige tiefenpsychologische Analyse erfordert – die RET ist ja eine auf die Gegenwart und Zukunft fokussierende Therapie. Sie gehört auch in die Denkschule der Konstruktivisten und deren bekanntester Vertreter, Paul Watzlawick hat viele Beispiele gegeben, wie man durch eine Änderung der Interpretation von Gegebenheiten sehr schnell und effektiv mit Problemen fertig werden kann. Seine „Anleitung zum Unglücklichsein“ transportiert diesen Gedanken in Form einer paradoxen Intervention, indem genau jene Denkweisen beschrieben werden, die dazu führen, sich unglücklich zu fühlen. Ändert man diese Art des Denkens, sind auch die Folgen andere.

Das ist ein weites Feld und übersteigt den Rahmen eines Blogs, der sich mit Projektmanagement beschäftigt. Interessant für Projektmanager ist allerdings die Beschreibung Schubecks, wie er  auf Stressoren  reagiert. Er frägt sich sofort, was er tun kann. Das ist bei guten Projektmanagern (gemeint sind natürlich immer auch Projektmanagerinnen) geradezu ein Reflex. Jedes Problem wird als Herausforderung zum Handeln gesehen. Das reduziert Stress ganz automatisch, packt das Problem an der Wurzel. So gesehen, kann Meditation auch ein Weg sein, seine Denkweise zu verändern. Allerdings sehe ich die Gefahr, dass dabei Endlosschleifen in Gang gesetzt werden, die ohne externen Anstoß nicht gestoppt werden können. Ohne Coach halte ich daher eine solche Veränderung für eher aussichtslos.

Die Botschaft für Projektmanager, die sich regelmäßig gestresst fühlen ist also die:

  1. Suche die Ursache des Stress bei Dir selbst und ändere die Reflexe und Denkmuster, die aus Stressoren (also potenziellen Stressverursachern) bei Dir tatsächlich Stress erzeugen.
  2. Akzeptiere, dass die Stressreaktion nicht unausweichlich ist, sondern Du selbst diese vermeiden kannst und letztlich auch der einzige Mensch bist, der diese wirklich ändern kann.
  3. Ändere Deine Stress verursachenden Denkmuster mit Methoden wie NLP oder RET. Nutze dafür die Unterstützung von Coaches. Sei vorsichtig bei der Wahl von Therapeuten, bevorzuge jene, die kognitive und verhaltenstherapeutische Methoden einsetzen.
  4. Nutze Entspannungstechniken als flankierende Maßnahmen, die diese Veränderung unterstützen, aber nicht ausreichend sind, um sie zu vollziehen.
  5. Wenn das nicht hilft, überlege eine Änderung Deines beruflichen Umfeldes, denn selbst die besten Techniken zur Stressbewältigung können bei extremen Belastungen versagen. Nicht jeder hält gleich viel aus, nicht jeder hält alles aus und es gibt keine Wunderdrogen.

Hier noch einige Literaturtipps:
    

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