in Literaturtipps, Psychologie des Projektmanagements

Umgang mit komplexen Problemen

Projekte sind geradezu regelmäßig durch Komplexität gekennzeichnet. Aus der Vielfalt an Stakeholdern, Rahmenbedingungen, Lösungsoptionen etc. resultieren Effekte, die einander überlagern und unser in der Evolution auf lineare Reiz-Reaktions-Muster getrimmtes Denken überfordern.

Eine deutsche Forschergruppe unter der Leitung von Dietrich Dörner hat schon vor vielen Jahren in einer Reihe von Experimenten untersucht, wie sich Menschen angesichts von komplexen Problemen verhalten. Die dazu publizierten Bücher heißen Lohhausen, Die Logik des Misslingens und Problemlösen als Informationsverarbeitung. Ich habe für Schulungen diese typischen Fehlerquellen einmal kurz zusammengefasst und denke, es hilft immer noch als grobe Orientierung:

Fehler bei der Analyse der Rahmenbedingungen

Die Analyse der Situation erfolgt oft nur sehr eingeschränkt. Viele Daten werden nicht ermittelt oder nicht beachtet, vor allem solche, die vorgefassten Vermutungen widersprechen könnten. Bei der Analyse wird oft ungeprüft unterstellt, dass sich die Situation nicht ver­ändern wird. Wenn Veränderungen in Betracht gezogen werden, so häufig nur als Fortschreibung der bisherigen Entwicklung.

Beim Umgang mit den auftauchenden Problemen ergeben sich aus der Vernachlässigung der Eigendynamik des betrachteten Systems zwei verschiedene Fehlermöglichkeiten. Entweder wird nur reaktiv gehandelt, man läuft sozusagen den Problemen hinterher, oder aber man verhält sich so, als ob man selbst alles beeinflussen und steuern könnte oder gar müsste. Entwicklungen, die ohne eigenes Zutun die Erreichung der Ziele fördern würden, werden also nicht genutzt oder sogar gestört.

Fehler bei der Bewertung von alternativen Maßnahmen

Die Zielformulierung wird häufig gänzlich unterlassen. Die Ent­scheidungen bauen dann auf unklaren Vorstellungen darüber auf, was eigentlich die wesentlichen Erfolgskriterien sind. Damit verbunden ist eine unzulängliche Schwerpunktbildung. Die Prioritäten wechseln oft sogar in Abhängigkeit von auftauchenden Schwierigkeiten. Man weicht Problemen aus, die sich als schwer lösbar erweisen.

Bei der Bewertung von Handlungsmöglichkeiten werden die unerwünsch­ten Nebenwirkungen von Maßnahmen oft ignoriert, die Erfolgskon­trolle unterbleibt. Dies nicht zuletzt mangels vorweg definierter Ziele.

Fehler bei der Suche nach Maßnahmen

Bestimmte Maßnahmen werden immer wieder in Betracht gezogen, ohne dass objektiv geprüft wird, ob es noch andere, mehr Erfolg verspre­chende Möglichkeiten gäbe. Da die Eigendynamik des Planungsobjektes oft verkannt wird, werden Maßnahmen häufig falsch, insbesondere zu stark „dosiert“. Führen Maßnahmen nicht zum Erfolg, so wird der von Watzlawick beschriebene Fehlschluss gezogen, dass „mehr desselben“ zum Erfolg führen könnte. Dies mündet schließlich oft in gewaltsame Lösungsversuche, die im Extremfall das Planungsobjekt derart negativ beeinflussen, dass künftige Lö­sungsversuche völlig aussichtslos sind.

Die Tatsache, dass aufgrund der Vernetztheit des Handlungsfeldes kaum jemals eine einzelne Maßnahme genügt, um die gewünschte Wir­kung zu erzielen, wird ebenfalls oft übersehen. Die Autoren ver­muten, dass dies auf das Bestreben zurückzuführen ist, möglichst zu jedem Effekt genau eine Maßnahme als die richtige Lösung des Problems zuordnen zu können. Durch diese Vorgehensweise kommt man jedoch in komplexen Situationen nicht zum Ziel.

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